O alte Burschenherrlichkeit

  1. O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist Du verschwunden?
    Nie kehrst Du wieder, goldne Zeit, so froh und ungebunden!
    Vergebens spähe ich umher, ich finde Deine Spur nicht mehr.
    |: O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! :|

  2. Den Burschenhut bedeckt der Staub, es sank der Flaus in Trümmer,
    der Schläger ward des Rostes Raub, verblichen ist sein Schimmer,
    verklungen der Kommersgesang, verhallt Rapier- und Sporenklang.
    |: O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! :|

  3. Wo sind die, die vom breiten Stein nicht wankten und nicht wichen,
    die ohne Spieß bei Scherz und Wein den Herrn der Erde glichen?
    Sie zogen mit gesenktem Blick in das Philisterland zurück.
    |: O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! :|

  4. Da schreibt mit finster'm Amtsgesicht der eine Relationen,
    Der and're seufzt beim Unterricht, und der macht Rezensionen,
    Der schilt die sündge Seele aus, und der flickt ihr verfall'nes Haus.
    |: O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! :|

  5. Allein, das rechte Burschenherz kann nimmermehr erkalten;
    im Ernste wird, wie hier im Scherz, der rechte Sinn stets walten;
    die alte Schale nur ist fern, geblieben ist uns doch der Kern,
    |: und den lasst fest uns halten, und den lasst fest uns halten! :|

  6. Drum, Freunde! Reichet Euch die Hand, damit es sich erneure,
    der alten Freundschaft heil'ges Band, das alte Band der Treue.
    Stoßt an und hebt die Gläser hoch, die alten Burschen leben noch,
    |: noch lebt die alte Treue, noch lebt die alte Treue! :|


Der im Lied "O alte Burschenherrlichkeit" der Prager Wanderstudenten besungene "Breite Stein" war ein schmaler Steinbelag in der Mitte der zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht gepflasterten Straßen, der sie bei schlechtem Wetter für Fußgänger halbwegs passierbar machen sollte. In den Universitätsstädten besaßen die Burschen das von Bürgern, Füchsen und sogar Offizieren respektierte Vorrecht auf dem Breiten Stein zu gehen. Was aber geschah, wenn zwei honorige Burschen einander auf dem Breiten Stein entgegen kamen und nicht wankten und nicht wichen? Weil man aneinander nicht vorbeigehen konnte und keiner auf die Straße steigen wollte, dürfte in der Regel eine Rauferei entstanden sein, obwohl der SC-Comment von Halle aus dem Jahr 1799 in § 47 bestimmte: "Die Ehre des Studenten leidet keineswegs, wenn er vom breiten Stein weicht; keiner setzt sich durch Behauptung desselben in größeres Ansehen."
Und wer sich nicht auf die Gasse wagte, schrieb mit finsterem Angesicht "Relationen" (veraltet für Berichte. daraus auch entstanden: relativ) oder machte still seine "Rezensionen", d.h. kritische Besprechungen einer künstlerischen oder wissenschaftlichen Arbeit.

jerum= Herr Jesus
quae mutatio rerum= welch Wandel der Dinge
Flaus eigentlich: Fries, Coating, in der Studentensprache: Rock (Quelle: Brockhaus von 1894, Band 6, Seite 875)
Mit Rapier (französisch: rapière = Degen, der zur "Garderobe" getragen wurde) bezeichnet man eine seit dem frühen 16. Jahrhundert im europäischen Raum verbreitete Stich- und Hiebwaffe.

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